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Schutz vor dem Spielmonster

Wir haben uns gefragt, was ausgerechnet eine Spielbank gegen Spielsucht haben kann. Das ist doch paradox. Die Antwort gab uns der Spielerschutz-Beauftragte Thomas Nowarra, den wir bei seiner Nachtschicht in der Spielbank Duisburg begleitet haben.

Die Mitfünfzigerin mit gefärbten Haaren hat eine kleine Glückssträhne erwischt. Die virtuellen Karten fielen passend. Es ist weit nach Mitternacht, seit Stunden sitzt sie in dem Hocker vor dem Black-Jack-Automaten, konzentriert sich auf den Monitor und bedient blind die Knöpfe. „Läuft gut für Sie, oder?“, fragt Thomas Nowarra leise die Spielerin, während er ihr freundschaftlich den Arm über die Schulter legt. Er möchte später mal einen Kaffee mit ihr trinken und lässt sie erstmal weiter spielen. Irgendwann am frühen Morgen wird sich der Mitarbeiter der Spielbank mit seiner Stammkundin unterhalten. Ganz vertraulich, wie ein Arzt mit seiner Patientin. Nowarra kennt die Frau seit Jahren. Er befürchtet nicht etwa, dass die Spielbank heute einige Hundert Euro an sie verliert. Nein, er macht sich Sorgen, dass die hochgeschätzte Besucherin in letzter Zeit ein problematisches Spielverhalten entwickelt haben könnte. Thomas Nowarra

Thomas Nowarra ist einer von 14 Spielerschutzbeauftragten, die sich die Westspiel-Gruppe leistet. Eigentlich ist der 42-Jährige Casino-Manager, offizielle Bezeichnung „Bereichsleitung klassisches Spiel“. Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung im Glücksspiel-Gewerbe und diversenSchulungen hat Nowarra das Auge für die schwierigen Fälle.

Er kann unterscheiden, wer auffällig agiert oder zum ersten Mal eine Spielbank besucht. Letztere sind die, die am lautesten auch über die kleinsten Gewinne jubeln. Nichts ungewöhnliches sind auch jene Zocker, die mit ihren Chips in der Hand von einem Roulette-Tisch zum nächsten laufen und auf mehrere Spiele gleichzeitig setzen. Weitgehend emotionslos registrieren diese Profi-Zocker Gewinne und Verluste. Ein Hobby, meistens unproblematisch, sagt Nowarra. „Die meisten Gäste spielen einfach nur zum Spaß“, sagt er. Es komme nicht unbedingt darauf an, wie viel einer spielt oder welche Beträge dabei über die Filzoberflächen gehen. Nowarra redet schnell, lächelt den Service-Kräften zu, während sie mit Getränken an ihm vorbei eilen. Er will nicht wie ein Überwacher auf Mitarbeiter und Gäste wirken. Eher wie ein Beschützer.

Wer den Schutz vor sich selbst braucht, erkennt Nowarra manchmal schon am Äußeren seiner Gäste. Ein Beispiel: „Wenn jemand anfangs gepflegt kam und später kontinuierlich seine Kleidung und Körperhygiene vernachlässigt, im Gegenzug aber die Besuchsfrequenz steigert, der könnte ein Problem haben“, sagt er. Seine Erkenntnisse ziehe er aus Langzeitbeobachtungen und spricht die Gäste lieber früher als später an.

spielautomaten im casino

Einige Spielsüchtige lassen sich an bestimmten Verhaltensmustern erkennen. Da gibt es den, der mehrmals am Abend Geld an der Kasse oder am Automaten holt. Das Konto wird bis zum Letzten ausgereizt, bis der Spieler nur noch ein paar Euro abbuchen kann, um sie im nächsten Schlitz zu versenken. Oder den Spieler, der sich seine Einsätze nicht merken kann, weil er an zu vielen Tischen gleichzeitig spielt und die Spieleinsätze kontinuierlich steigert. Ein besonderes Augenmerk legt Nowarra aber auch auf Gäste, die mit den Geräten reden, diese schlagen oder küssen.

Nicht jeder, der viel Geld verliert, fällt bei ihm gleich in die kritische Kategorie. Einige haben sich unter Kontrolle, auch wenn sie häufiger kommen, sagt er, und können es sich schlicht leisten, auch einmal viel Geld an einem Abend zu verspielen. Nowarra deutet auf einen weiteren Stammgast:

„Solange er das Auto fährt, mit dem er heute gekommen ist, scheint finanziell alles in Ordnung“.

Seine Augen hat der gelernte Croupier auch in der Tiefgarage des Hauses.

Er kennt aber auch die schlimmen Spielerbiografien: finanzieller Ruin, Konflikte in der Familie, junge Männer, die früh die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Und fast immer ist sie da, die Illusion des Spielers, man habe alles im Griff.

Hin und wieder lassen sich Gäste aus freien Stücken sperren, sagt Nowarra. Das bedeutet, mindestens ein Jahr lang Hausverbot, in allen Spielbanken deutschlandweit. Andere sind weniger einsichtig und werden von ihren Angehörigen oder von der Spielbank gesperrt. Rein kommt nach dieser Frist dann nur, wer eine psychologische Bescheinigung vorweisen kann, die eine Spielsucht ausschließt. Allerdings haben gesperrte Spieler trotz einer Spielersperre in den Spielbanken noch viele Möglichkeiten zu spielen – zum Beispiel in Holland.

Ein juristisches Unding, findet der Casino-Manager. Tatsächlich erscheint die ungleiche Regulierung von Spielbanken und Spielhallen nicht besonders sinnvoll. Denn der Anteil an Spielsüchtigen liegt in beiden Fällen bei 25.000 bis 30.000 Betroffenen. Je nach Studie sind die Zahlen aber jeweils noch höher. Spielbanken sind per Gesetz dazu verpflichtet „die Spieler zu verantwortungsbewussten Spiel anzuhalten und der Entstehung von Glücksspielsucht vorzubeugen“, wie es im Vertrag zum Glücksspielwesen heißt. Spielhallen-Betreiber kommen derzeit noch mit Flyern und Aufklebern auf den Spielgeräten aus Westspiel hat sogar eine App rausgebracht, mit der man seine Neigung zum problematischen Spielen testen kann.

Der Extra-Service der Duisburger und anderer Spielbank-Unternehmen in Deutschland ist also nicht so selbstlos und paradox wie es auf den ersten Blick aussieht. Nachtmensch Nowarra lässt sich eine Dose Red Bull bringen, seine Schicht geht noch bis 4.30 Uhr. Er sagt, dass ihm die Probleme der Gäste am Herzen liegen und erklärt, dass der Spielerschutz außerdem ökonomisch Sinn macht: Problemspieler sind schlecht fürs Image, gerade für eine Branche, die in der Öffentlichkeit keinen besonders guten Ruf hat.

Text: Andreas Pankratz
Fotografie & Layout: Oliver Helms

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